Im Klang der Stille auf Augenhöhe

Tag 35/36

Donnerstag, 23. April 2020

Guten Morgen!

Jeden Morgen die gleichen Abläufe durchlaufen und die gleichen Dinge erledigen, ehe man in den Tag startet, eigentlich eine Angelegenheit, die im Schongang erledigt ist, ehe der Tag an einem vorbeistartet.

Wenn ich mir meinen Baum so anschaue, dann wird mir klar, dass er dessen niemals müde wird, er ist ein Baum und seine Bestimmung ist es, langsam zu wachsen, im Frühling Triebe zu entkeimen und diese in Knospen auszutreiben, Blätter entstehen zu lassen und dann macht er einfach weiter und es entstehen an den Blättern meines Baumes nun jene Blütenstände, die, wenn sie denn bestäubt wurden, auch ihre Kastanien wachsen lassen werden.

Allein dieser Vorgang, so erscheint es mir, geschieht recht langsam und verglichen mit unseren alltäglichen Mustern die gleichen Abläufe zu durchlaufen, ist mein Baum darin ein geübter Meister der Ruhe und Stille, ihm widerfährt die Stille so ruhig, wie der Wind, der um das Haus schleicht.

Er hat weniger damit zu tun, still zu sein, als dass er die Ruhe der Zeit benutzt, um in die Höhe – Rosskastanien erreichen mitunter eine Höhe von 30 Metern – zu wachsen; meine Rosskastanie ist beinahe so hochgewachsen und wird vermutlich noch ein wenig daran arbeiten sich in die Höhe zu treiben.

Was aber nun die morgendliche Geschäftigkeit unseres Alltags anbelangt, diese mit der nimmermüden und ewig aufrecht stehenden Gattung meines Baumes zu vergleichen und darin Resümee zu ziehen, erheitert mein Gemüt, da ich erkenne, das ein Vergleich nur unzureichend und unvollendet erscheinen mag, da der Mensch weniger an Jahren hat, um zu wachsen, um zu reifen und um sich schlussendlich zu vermehren – wir Menschen neigen dazu keine 300 Jahre alt zu werden – aber wir sind ja viel effektiver in unserer Lebensgestaltung, weil wir gleiche Abläufe aus dem Unterbewusstsein heraus aktivieren und nebenbei

Wir haben immer etwas, dass wir erledigen müssen, um dass wir uns kümmern müssen und immer auch ein Problem, das nicht gelöst ist! Kurzum, wir haben einfach eine bewusste Gestaltung unseres Alltags. Und dieses Bewusstsein ist in unseren Nervenbahnen vernetzt und wie ein Ast an meinem Baum abbrechen kann, so kann auch ein Netz aus Nervenbahnen Risse bekommen. An einem Baum sieht man die Veränderung, in einem Gehirn geschehen diese Dinge während wir lesen, schreiben, kochen, putzen und viele andere Dinger erledigen, die wir als wichtig erachten.

Was aber geschieht Tag um Tag mit meinem Baum? Und wann ist eine solche Veränderung wichtig und wann bemerken wir die Veränderung?

Schon in der Frühe des Tages stehen wir auf und verlaufen uns in unseren Tag, dass geschieht alles zuweilen und vor Ort auf eine Weise, die uns unseren Baum nicht sehen lässt

Erst eine drastische Veränderung unserer Umwelt verlangt in uns nach einer neuen Struktur, doch bis dahin sind wir Menschen und wir verfehlen hin und wieder die nötige Struktur, auch wenn sie aus der Stille herauszukommen scheint und wir sie mit offenen Armen begrüßen können und sie umfängt uns gleichermaßen, wie wir sie erleben, die Veränderung allerdings, wenn sie von außen kommt, verändert sie automatisch auch unser innerstes!

Wenn ich nun versuche, den Versuch meines Baumes auf die Münze des Verstandes zu bringen und eine Prägung der Stille zu prägen, dann gilt diese besondere Aufmerksamkeit jener Stille des Frühlings diesen Jahres, dieser Tage und im Augenmaß der Stille des 18. März 2020; im übrigen ein Mittwoch; für mich war es 16:50 Uhr.

Im Klang der Stille auf Augenhöhe.

Was aber nun die Belanglosigkeit des bereits bestehenden Netzes aus Nervenbahnen anbelangt, so muss der Mensch diese aktivieren, bevor er von der Betrachtung und Verortung eines Baumes hinkommt, um daraus eine Prägung werden zu lassen und diese dann noch ummünzt und zur Ware des Verstandes werden lässt.

Wie viel an Arbeit steckt in einem einzigen Blatt? Wie viel an Kraft kostet es den Baum, dass er das Wasser durch seinen Stamm zieht und saugt und kapilliert? An dieser Stelle sei dem Knecht der Gedanken gestattet, dass er nicht kapituliert und kapiert, dass es Kapillare Kräfte sind, die – nun sei es mir erlaubt – kapillieren.

Zurück zur Sache; der Mensch ist anders in seiner Umgebung, der viel zu erledigen hat, wenn er dafür Sorge trägt, dass seine Blätter wohl genährt und gekleidet sind. Auch hat der Mensch Verantwortungen, die einen Baum weder interessieren, noch dass er davon wüsste. Dennoch bleibt in mir die Erkenntnis dieses Frühlings, in dem ich meinen Baum zum ersten Male sah; es mutet befremdlich, wenn man liest, er sah seinen Baum zum ersten Mal, obgleich dieser doch vor seinem Fenster steht und ohne weiteres als Baum zu erkennen ist.

Die Erkenntnis also schließt nicht aus, dass es etwas an meinem Baum gibt, dass sich signifikant verändert zu haben scheint. Der Frühling ist bestätigte Sache und in dieser Angelegenheit lässt Mutter Natur nicht mit sich spaßen, sie erledigt ihre Dinge auf ihre Weise. Wenn nun weder der Baum noch der Frühling die Signifikanz darstellen, so bleibe nur ich übrig, der sich zum Problem gesellen muss, da ich meinem Baum so wenig an Beachtung schenkte, obschon ich seit vielen Jahren wohne, wo mein Haus steht.

Etwas an meiner Ruhe und meiner Stille hat sich geändert, sodass ich ein Verändern durchlaufe, wie der Baum den Frühling durchläuft. Und da ich schon hier bin, wo mein Stuhl sitze, da bemerke ich den Wandel, welcher mir hervorgerufen erscheint durch die allseits beliebte Stille und Ruhe dieser Tage; und so stelle ich die Fragen. Kann die Stille und die Ruhe uns mächtiger machen, um wahrzunehmen und zu verstehen? Und kann diese Konsequenz bequemer in unseren Handlungen aufgehen und uns Selbstverständnis einbringen, wenn wir sie bewusster werden lassen und sie gar zur Übertreibung feiern?

Gleich egal wie viele Fragen ich noch an meinen Baum habe, ich werde heute nicht zu allen Antworten gelangen, ich denke, dass wir diese Fragen gefunden haben und sie gestellt haben, ist ein außerordentliches Vergnügen und mit diesem will ich für heute schließen.

Bis Morgen!

Gideon Mate

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Veröffentlicht von Gideon Mate

Was treibt an, macht Gedanken frei, um neue Fragen zu finden? Diese Art von Gedanken, die ich mir mache, seitdem Corona, ein heimsuchendes Miststück, über unseren Köpfen kreist, wie der Herr der Fliegen über einem Mastermind-Scheißhaufen. Viele Fragen, eine Menge Antworten und vieles Ungewisses sind die Treiber meiner Gedanken dieser Tage und die Kraft, aus welcher dieser Blog entstehen und vielleicht zur Hilfe und Unterstützung gedeihen wird.

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